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Vom Tal auf die Hochebene

Die Welt der Hangprozesse und Karsterscheinungen

Am nördlichen und östlichen Rand des Vipava-Tals erheben sich auf malerische Weise die steilen Kalkwände der Südhänge des Trnovo-Waldes sowie die südlichen und westlichen Hänge des Karsthochlandes Nanos. Die unberührte Natur, die zahlreichen geomorphologischen und geologischen Eigenheiten und die botanischen Besonderheiten machen diese beiden Landschaftszüge zu unserem Naturerbe, das auch als Landschaftspark geschützt ist.

Viele Wanderwege und Pfade führen aus den Dörfern im Tal über die mit Geröll bedeckten Hänge und steilen Wände an den Rand des Tals, den Rand der Trnovo- und Nanos-Hochebenen, die von den markanten Gipfeln Čaven (1186 m), Kucelj (1237 m), Otliški Maj (847 m), Kovk (963 m) und Pleša (1262 m) überragt werden. Ein Aufstieg über mehr als tausend Höhenmeter ist anstrengend, aber die Mühe wird mit phänomenalen Ausblicken belohnt, die sich vom Gipfel auf das Vipava-Tal eröffnen. Insbesondere im Frühling können Sie die bunte Pflanzen- und Tierwelt bewundern.

Die Hänge und Felsen sind ein Klassenzimmer der Natur, in dem Sie die Hangprozesse und die Karsterscheinungen kennenlernen können. Hangprozesse als Folge der geologischen Gesteinszusammensetzung, der Oberflächengestaltung sowie starker mechanischer und chemischer Gesteinsverwitterung in verschiedenen Klimaverhältnissen waren und sind in dieser Gegend noch heute sehr intensiv. Am intensivsten waren die mechanische Verwitterung und der Zerfall des Carbonatgesteins am Ende der Eiszeit. Mit der Verwitterung der Gesteine und dem Abrutschen ins Tal entstanden riesige Mengen an Geröll, das die Hänge unter den steilen Wänden bedeckt. Vielerorts kommt das Geröll in Form von Brekzien vor. Einzelne größere Felsbrocken und auch bis zu mehrere hundert Meter große, vom Felshang abgebrochene, ins Tal gerollte oder gerutschte Blöcke ziehen die Blicke der Besucher auf sich. Beispiele dafür sind Mala Gora, der von weitem sichtbare Vitovski podor zwischen den Bergen Veliki rob und Vitvoski hrib, Gradišče, Visoko und zahlreiche andere Felsblöcke.

Bei Forschungen, vor allem während des Baus der Autobahn am Hang des Bergs Nanos und auch im Tal, stellte man fest, dass es in dieser Gegend viele Fossilienerdrutsche gab. Ein beeindruckendes Beispiel ist der Fossilienerdrutsch Selo, bei dem sich vor mehr als 42.000 Jahren etwa 150 Millionen Kubikmeter Geröll vom Hang lösten und die weitere Umgebung bedeckten, wo heute die Dörfer Selo, Črniče und Batuje stehen. Dass Erdrutsche in diesem Gebiet immer wieder vorkommen und die Gegend zu den erdrutschgefährdetsten in Slowenien gehört, sieht man an den zahlreichen aktiven Kriech- und Rutschprozessen. Beeindruckende Beispiele dafür sind der Erdrutsch Slano blato, der Erdrutsch in Šmihel, der Erdrutsch Stogovce bei Lokavec und der Erdrutsch Znosence bei Col, plaz Stogovce nad Lokavcem in plaz Znosence pod Colom.

Die steinige, überwiegend bewaldete Landschaft der Hochebenen Trnovo und Nanos, die sich über dem Tal erheben, haben keine Oberflächengewässer und sind verkarstet. Für diese Gegend sind zahlreiche Karsterscheinungen typisch. Der erste Grund für ihre Entstehung sind die Gesteine. Das Gebiet besteht vorwiegend aus Carbonatgestein (Kalkgestein, Dolomiten) aus dem Mesozoikum, das heißt es ist 100 bis 220 Millionen Jahre alt und entstand im einstigen Urmeer. Davon zeugen zahlreiche Fossilien von Muscheln, Schnecken, Korallen, Schwämmen, Seeigeln und anderen Organismen, die in den Gesteinen zu finden sind. Auf der Hochebene Gora im Trnovo-Wald und im Nanos-Karsthochland gibt es viele bekannten Fossilienfundstellen. Unter den Experten ist eine komplexe Fundstelle gut erhaltener Korallen- und Schwammfossilien in Jura-Riffkalk, auf dem sich ein Großteil des Trnovo-Waldes befindet, ganz besonders bekannt und von großer Bedeutung. Nur wenige Menschen wissen, dass sich vor 150 Millionen Jahren ein 10-20 Kilometer breites Korallengriff, das dem heutigen Great Barrier Reef in Australien ganz ähnlich war, vom Soča-Tal über den Trnovo-Wald bis in die Region Bela Krajina und weiter nach Kroatien, Bosnien und Montenegro erstreckte (Goričan, 2010). Im Laufe der geologischen Geschichte wichen die Meere zurück und das Land hob und senkte, verschob, brach und faltete sich unter dem Einfluss der unsichtbaren Kräfte aus dem Erdinneren und so entstanden die Berge, Hügel und Täler, die wir heute kennen. Das hört sich einfach an, ist es aber nicht; denn es handelt sich um eine Verknüpfung zahlreicher Faktoren und Prozesse durch die lange geologische Geschichte. Die Wände der Südhänge des Trnovo-Waldes und des Nanos-Karsthochlandes, wie wir sie heute kennen, sind Überschiebungswände der so genannten Trnovo- und Hrušica-Überschiebungsdecke, wobei der Nanos eine überschobene und umgekehrte Falte darstellt.

An der Oberfläche war und ist das Kalkgestein verschiedenen Wettereinflüssen ausgesetzt. Eine bedeutende Eigenschaft dieses Gesteins ist seine Löslichkeit in saurem Wasser. Es wird von Regenwasser aufgelöst und an der Oberfläche aber auch in der Tiefe darunter entstehen faszinierende Formen, die Karsterscheinungen, die auf der Trnovo- und Nanos- Hochebene überall dort bestaunt und erforscht werden können, wo sich der Untergrund aus Kalkgestein zusammensetzt. Die Karsterscheinungen, die sich durch ihre Eigenschaften besonders hervorheben, sind im Naturerbe verankert bzw. stellen einen Naturwert dar. Einige davon sind auch als Naturdenkmal geschützt.

Die häufigsten Karsterscheinungen an der Erdoberfläche sind die Kamenitzas, ovale Einkerbungen im Fels, die einige Zentimeter bis über einen Meter groß sind. Sie entstehen durch Korrosion in stehendem Wasser, das sich nach Niederschlägen in den Einkerbungen sammelt. Auf dem Berg Križna gora bei Ajdovščina ist die größte Kamenitza Sloweniens zu bestaunen, die Orjaška škavnica (dt. gigantischer Napfkarren), die mehr als zehn Meter lang und etwa fünf Meter breit ist. Zu den kleinsten oberflächlichen Karsterscheinungen gehören die Rinnenkarren, Dachrinnen ähnliche, parallele längliche Einkerbungen, die vom Wasser, das in Richtung des stärksten Gefälles über den Fels rinnt, in das Gestein geschliffen wurden. Ähnlich, aber größer sind die Karren, die entlang von Rissen oder anderen Platten von geringerer Härte aufgrund der schnelleren Löslichkeit im Gestein entstehen. Besonders eindrucksvolle Karren sind an der Hauptstraße zwischen den Dörfern Gozd und Kovk unter dem Berg Sinji vrh zu bestaunen. Hier sind auf einer größeren Fläche dicke Schichten hellen Kalkgesteins zu sehen, die von tiefen Karren durchzogen sind.

Außerdem gibt es hier Rinnenkarren, die ein schönes Mikrokarstrelief schaffen. Zu den malerischsten und faszinierendsten Karsterscheinungen in dieser Gegend gehört sicherlich das Felsenfenster von Otlica, das aus dem Tal als Öffnung in der Felswand zu sehen ist. Von der Nordseite eröffnet sich durch dieses Felsenfenster ein außergewöhnlicher Blick auf das Vipava-Tal. Nach diesem Fenster, das auch Luknja (dt.: Loch) oder Otlica bzw. Votlica (dt.: Aushöhlung) genannt wird, wurde das Dorf Otlica benannt, von wo man das Felsenfenster über einen bequemen Wanderpfad erreicht. Zum Felsenfenster von Otlica führt auch der Wanderweg Pot po robu (dt.: am Hang entlang) von Predmeja nach Col, der den Wanderer über herrliche Wiesen und zu Aussichtspunkten führt, wo der Blick über das Vipava-Tal, den Karst und bis hin zum Meer reicht. Das Felsenfenster von Otlica hat die Form einer aufrechten Linse, ist etwa zehn Meter hoch und bis zu sechs Meter breit. Der Legende nach soll es der Teufel mit seinem Horn erschaffen haben. Experten beschreiben das Fenster als Öffnung, eine natürliche Brücke, die bei einer starken tektonischen Verschiebung entstand, die in der Felswand über der Öffnung deutlich zu erkennen ist. Durch die Kräfte der Verschiebung riss das Gestein und verlor seine Festigkeit, weshalb es einer schnelleren Verwitterung, Auswaschung und Erosion ausgesetzt war, wodurch dieses natürliche Fenster bzw. die Brücke entstehen konnte. Etwa zwanzig Meter unter dem großen Felsenfenster befindet sich ein weiteres, ähnlich geformtes, aber viel kleines Fenster (4 m hoch, 2 m breit), das den Blicken eher verborgen ist und daher weniger auffällt. Im hellgrauen Jura-Kalk, in dem die beiden Felsenfenster entstanden sind, finden sich auch fossile Überreste von Korallen und Schwämmen.

Eine typische und häufig vorkommende Karsterscheinung auf den Hochebenen Trnovo und Nanos sind Karstbecken verschiedener Formen und Größen, von denen vor allem die Dolinen vorherrschen. Die ausgedehnten, geschlossenen Becken mit unregelmäßiger Form mit aufgegliedertem, teilweise ebenem Boden, die von den Experten als Uvala (geschlossene Karstsenken) definiert werden, werden im zentralen Teil des Trnovo-Waldes von den Einheimischen lazna genannt. Bekannt sind vor allem die Senken Mala Lazna, Velika Lazna, Avška Lazna, Krnica und Smrečje. Die tiefsten Karstsenken mit steilen Wänden und unregelmäßigem Rand nennt man hier draga. In der Eiszeit spielten die Gletscher eine bedeutende Rolle bei der Entstehung dieser Senken. Im äußersten nordöstlichen Teil des Bergkamms Golaki befindet sich die Senke Mrzla draga, Richtung Südosten folgen noch Mojska draga, Smrekova draga und Črna draga. Aufgrund der großen Ausmaße sammelt sich an ihrem Boden kalte Luft, wodurch es zu einer Temperatur- und Vegetationsinversion bzw. der Bildung von Frostlöchern kommt. Das bei weitem bekannteste und größte Frostloch ist Smrekova draga. Andere größere Karstsenken, die konta (dt.: Grube) genannt werden, sind vor allem für den Bergkamm Golaki und die höheren Bereiche des Bergs Čaven typisch (Kodelja, 2013). Die Berghänge sind hier steil und felsig und im felsigen Untergrund findet man häufig Kessel und Schachtdolinen.

Das Wasser, das durch die durchlässigen Gesteinsschichten sickert, weitet die Risse und schafft eine faszinierende Karstunterwelt mit Höhlen und Schächten. Im Trnovo-Wald und auf dem Nanos-Karsthochland überwiegen Schächte, denn es gibt hier nur wenige horizontale Höhlen. Nordöstlich vom Dorf Predmeja wurde die tiefste, nicht alpine Höhle Sloweniens entdeckt, die 884 Meter tief ist. Eine Besonderheit der Höhlen im Trnovo-Wald und auf dem Nanos-Karsthochland sind die Eishöhlen, in denen es das ganze Jahr über Schnee oder Eis gibt. Die bekannteste Eishöhle ist die große Eishöhle in Paradana. Sie ist dafür bekannt, dass man hier Ende des 19. Jahrhunderts Eisblöcke herauslöste und zum Verkauf nach Gorica oder Triest transportierte.

 

Tanja Lukežič, Uni. Dipl. Ing. Geol.
Amt der Republik Slowenien für Umweltschutz, Außenstelle Nova Gorica

Quellen- und Literaturangaben sind bei der Autorin erhältlich.