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Das Industrieerbe des Vipava-Tals

Das industrielle Erbe erzählt die Geschichte des Lebens, der Entwicklung und der Werte, die unsere Geschichte und Identität im Laufe der Zeit beeinflussten, vor allem im 20. Jahrhundert, als die traditionelle ländliche Kultur sich zu einer Arbeiterkultur wandelte. Das Erbe ist durch die charakteristische Architektur der Werksgebäude und Arbeiterwohnungen, aber auch der Produkte geprägt, die noch für ihre einzelnen Fabriken und Hersteller bekannt sind. Das Erbe der Arbeiterkultur kann heute als eine Reihe von Werten verstanden werden, die sich während der industriellen Revolution im kapitalistischen System und unter verschiedenen politischen Regimen bildeten. Von diesen Werten wie Solidarität, gewerkschaftlicher Zusammenarbeit, guten Bedingungen für Frauen, Acht-Stunden-Tagen, dem Recht auf Arbeit und Vollbeschäftigung sowie dem Recht auf Ruhepausen und Urlaub sind viele in der heutigen Welt schon wieder im Verschwinden begriffen.

Grundlage für die Entwicklung der Industrialisierung im Vipava-Tal war schon seit dem Mittelalter das Wissen über die Nutzung der Wasserkraft für Mühlen, Sägen, Schmieden und Eisenhütten.

Im oberen Vipava-Tal waren die zahlreichen Wasserläufe die Hauptenergiequellen. Hier sind besonders der Bach Lokavšček und die Flüsse Vipava und Hubelj hervorzuheben. Am Oberlauf des Hubelj wurden schon im 16. Jahrhundert zwei Eisenhütten zum Schmelzen von Eisenerz gebaut, aus denen sich mit der Zeit ein umfassender Komplex mit Säge, Schmiede, Gießerei, Walzwerk, Lager und Verwaltungsgebäude entwickelte. Später stieg man von der Eisenverarbeitung auf Kupfer um und noch vor dem Ersten Weltkrieg wurde der Betrieb der Eisenhütten ganz eingestellt. Heute sind die renovierten Eisenhütten und die Ruinen der ehemaligen Gebäude eine interessante Touristenattraktion, wo den Besuchern das industrielle Erbe der Eisenhütten und das Leben der Werksarbeiter und Schmiede unter anderem mit Informationstafeln vor Augen geführt werden.

Neben den Eisenhütten entwickelten sich im 19. Jahrhundert noch andere Industriezweige am Fluss Hubelj, aber leider ist davon nicht viel erhalten geblieben. Es gab hier Sägewerke, eine Mühle für Gerb- und Farbstoffe sowie eine Teigwarenfabrik, deren Eigentümer die Familie Nussbaum war. In Pale standen die Rietter-Brauerei und eine mechanische Mühle; in ihrer unmittelbaren Nähe befand sich für kurze Zeit auch eine Papierfabrik, die Mitte des 18. Jahrhunderts 25-30 Arbeiter beschäftigte. Zu den großen Mühlen gehört neben der Rietter-Mühle auch die Jochmann-Mühle am Fluss Hubelj, die damals eine der größten Walzenmühlen in Österreich-Ungarn war. Die Überreste des Gebäudes sind noch heute zu sehen. Eine weitere große Mühle befand sich in Pekel bei Dornberk, deren architektonisches Erscheinungsbild und Ausstattung aus dem 18. Jahrhundert stammten. Außerdem sind die vielen Schmieden und Sägen am Bach Lokavšček und am Fluss Vipava nicht zu vergessen, wie etwa die Schmiede in Lokavec und die Kobej- bzw. Rizzati-Säge in Ajdovščina aus dem 20. Jahrhundert.

Die Anfänge der industriellen Entwicklung und der größeren Industriefabriken sind mit der Seidenverarbeitung in der Region Goriška verbunden.

Schon 1728 wurde die erste staatliche Fabrik gebaut. Das Werk, in dem Seide verarbeitet wurde und eine Spinnerei und Weberei umfasste, trug den Namen Fara (die heutige italienische Stadt Farra d’Isonzo). Die Arbeiter lebten im Umfeld der Fabrik und arbeiteten nach den speziellen Vorschriften 12-14 Stunden pro Tag. Die Seidenverarbeitung und die Seidenraupenzucht entwickelten sich nach dem Regierungserlass von Maria Teresia aus dem Jahr 1764 besonders gut, denn damals wurde das Recht auf freie Anpflanzung von Maulbeerbäumen und die Zucht von Seidenraupen verliehen und es wurden sogar Maulbeerbaumsetzlinge an die Bauern verteilt. Schon Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte sich im Vipava-Tal auch eine Verarbeitungsindustrie für Baumwolle, die zusammen mit anderen kolonialen Waren über den Hafen in Triest nach Österreich-Ungarn importiert wurden. So eröffnete im Jahr 1828 die Bauwollfabrik, eine maschinelle Spinnerei und Weberei in Ajdovščina, in der in Spitzenzeiten mehr als 300 Arbeiter beschäftigt waren: Männer, Frauen und Kinder von 9 bis 14 Jahren, die bis zu dreizehneinhalb Stunden pro Tag arbeiteten.

Der größte Industriekomplex in der Region Goriška befand sich im Besitz der Familie Ritter. Zunächst verarbeitete die Familie Zucker aus den Kolonien, dann erbaute sie in Stračice am Rand von Gorica (Gorizia) eine hydraulische Mühle am Fluss Soča, eine Baumwollspinnerei sowie eine Verwertungsfabrik für Seidenabfälle. In der Nähe des Industriekomplexes in Stračice, auf der anderen Seite des Flusses Soča, entstand in Podgora die Ascoli-Fabrik für Schreib- und Verpackungspapier.

Eine Reihe anderer Industriezweige, die sich in den einzelnen Ortschaften im 19. und 20. Jahrhundert entwickelten, waren die Vorgänger der späteren Entwicklung der Industrie im Vipava-Tal. So bildete sich aus dem Tischlerhandwerk die Holzindustrie in Solkan, man gründete die Ziegelwerke in Bilje und in Gorica und die Maurerei in Renče war der Anfang der Ziegel- und Bauindustrie. Im oberen Vipava-Tal entwickelten sich Ajdovščina und Vipava in der Nachkriegszeit zu Industriezentren, in denen sich Metall-, Lebensmittel-, Holz-, Textil- und Baubetriebe ansiedelten. In Ajdovščina formte sich aus der Textiltradition die Textilfabrik in Ajdovščina, aus den Mühlen das Mühlenunternehmen Ajdovščina bzw. das heutige Unternehmen Mlinotest und aus der Rizzati-Säge wurde das Holzindustrieunternehmen Lipa Ajdovščina. In Podnanos wurde im Jahr 1911 eine Molkerei gegründet, die in den achtziger Jahren aufgrund des Baus einer neuen Fabrik für Milchabfüllung und Herstellung von Milchprodukten aufgegeben wurde. Diese Fabrik schloss sich 1990 mit dem Weinkeller Agroind Vipava zusammen. Neben diesen Firmen entwickelten sich noch zahlreiche weitere Unternehmen, wie etwa das regionale Unternehmen für den Export und die Verarbeitung von Obst, das heute unter dem Namen Fructal bekannt ist, das regionale Bauunternehmen Primorje mit Sitz in Vipava und das spätere Primorje Ajdovščina, der Hersteller von Arbeitskleidung IKA, das allgemeine Metallunternehmen Ajdovščina und viele andere.

Die Unternehmen begannen nach dem Zweiten Weltkrieg mit einer bescheidenen Produktion, aber schon in den nächsten Jahrzehnten entwickelten sie sich dank des schnellen wirtschaftlichen Aufschwungs zu erfolgreichen Unternehmen in Slowenien und Jugoslawien. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts wurde die Industrie zur führenden Wirtschaftstätigkeit, die von den Veränderungen im Wirtschaftssystem, der Modernisierung der Industriefabriken und der gesellschaftlichen Unterstützung profitierte. Auf diese Weise steigerten sich die Beschäftigung und der Lebensstandard der Talbewohner. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die „Fabriken“ zu einem festen Begriff für alle Arten von Werken, auch wenn dies keine Wirtschaftsunternehmen waren. Die Arbeiter waren kranken- und sozialversichert und hatten das Recht auf Weiterbildungen und Arbeiterwohnungen. Die Arbeitgeber sorgten für das kulturelle Leben der Mitarbeiter und organisierten verschiedenste sportliche Aktivitäten. Kurzum nahmen sie am Leben der Menschen vor Ort teil und gaben die Werte der gemeinsamen Identität und Zugehörigkeit vor.

Der Übergang in das neue, kapitalistische Gesellschaftssystem und die Marktwirtschaft bedeutete für viele Unternehmen und Fabriken eine Verminderung ihrer Produktion. Einige mussten ganz schließen, andere konnten durch eine Umstrukturierung der Besitzverhältnisse zu heute erfolgreichen Unternehmen entwickeln und es entstanden auch viele neue, genauso erfolgreiche Unternehmen. Die Werte des alten Systems gerieten langsam in Vergessenheit. Geblieben sind viele schöne Erinnerungen und das architektonische Erbe, das heute von der reichen Industrie von damals zeugt.

mag. Inga Miklavčič Brezigar, dr. Ines Beguš, Regionalmuseum Goriški muzej
www.goriskimuzej.si